Gesichts-, Kiefergelenks- und Muskelschmerzen

Im Bereiche des Kopfes gibt es die unterschiedlichsten Strukturen, welche Schmerzen verursachen können: Kiefergelenk, Muskulatur, Zähne, Zahnfleisch, Nerven Kieferhöhlen u.a.m..
Das Phänomen Schmerz stellt sich als komplexe Antwort von Körper und Geist dar, welche sich nur in den einfachsten Fällen (zum Glück sind das beim Zahnarzt die häufigsten) auf einen direkt vorangegangenen Reiz beziehen lässt. Als Patient sind Sie sich gewohnt, dass der Zahnarzt beim Auftreten von Schmerzen sofort manuell aktiv wird. Meistens ist das auch richtig, weil eine hinreichend klare Ursachen-Wirkungsbeziehung besteht.

Einige Beispiele einfacher Ursachen-Wirkungsbeziehung und ihrer Behandlungsmassnahmen:

  • Karies (Loch im Zahn) führt zu einer Entzündung der Wurzel. Eine entzündete Wurzel verursacht Schmerzen. Die Schmerzen können durch eine Wurzelbehandlung eliminiert werden.
  • Eine schlecht sitzende Prothese drückt beim Essen immer wieder auf die selbe Stelle. Die Schleimhaut wird verletzt und löst Schmerzen aus. Die Anpassung der Prothese löst das Schmerzproblem.
  • In einer massiven Stressphase beginnt ein Patient nachts mit den Zähnen zu knirschen. Die ungewohnt starken Kräfte überfordern die Muskulatur und führen zu Verspannungs- und Überlastungssymptomen. Der Mund lässt sich morgens kaum noch öffnen, das Zerkauen der Nahrung schmerzt. Eine kurzzeitige Therapie mit einer Nachtschiene (z.B. Michigan-Schiene) entlastet die Strukturen und führt zu einer Schmerzlinderung.
  • Gestauter Eiter spannt die gut innervierte Knochenhaut bis zu kaum mehr erträglichen Schmerzen. Ermöglicht man mit einem kleinen Schnitt den Eiterabfluss, so sind die akuten Hauptbeschwerden unmittelbar behoben. 

Komplexe Schmerzleiden

In einigen Fällen ist die Ursachen-Wirkungsbeziehung wesentlich komplexer. Diese Fälle lassen sich somit auch sehr selten mit einfachen Rezepten beheben.

Ein Beispiel:
Bei einem Patient mit bereits komplexer Zahnstellung muss ein schmerzender Zahn entfernt werden. Es handelt sich um einen bereits seit längerer Zeit eiternden Zahn. Durch die Extraktion verliert der Patient einen wichtigen Kauzahn: er verlagert den Kauakt auf die ungewohnte andere Seite. Die Wundheilung wird durch den Genuss von Tabak gestört und nach kurzer Zeit schon trifft der Patient wieder mit starken Schmerzen in der Praxis ein. Eine sofort betriebene Wundrevision führt nur allmählich und über einige Tage hinweg zu einer Schmerzstillung am Ort der Extraktion. Das Schmerzempfinden verlagert sich jedoch durch die veränderten Kauverhältnisse immer mehr vom "Ort des Geschehens" (Zahn) in die Muskulatur und ins Kiefergelenk. Schon wenige Tage später strahlen die Schmerzen in den ganzen Kiefer-Gesichtsbereich aus. Der Patient fühlt sich unwohl und kaum arbeitsfähig. Es macht sich eine Misstimmung breit und die Angst vor dem Schmerz wird immer grösser.

Dieses Beispiel verdeutlicht die komplexen Veränderungen der Schmerzwahrnehmung: es verändern sich Ort und Art des Schmerzes, sowie die Stimmungslage des Patienten.

Es zeigen sich

  • eine biologische
  • eine psychische und
  • eine soziale Ebene des Schmerzempfindens.

Jede Ebene zeigt ihre eigenen Einflüsse. Jeder Einfluss kann sich schmerzlindernd oder aber auch schmerzunterhaltend auswirken.

Chronischer Schmerz

Schmerzen, die über eine längere Zeit andauern, haben ihre Schutzfunktion verloren. Chronischer Schmerz ist die Folge eines Lernprozesses: er gründet auf dem Wechselspiel zwischen Person und Umgebung.

Chronische Schmerzen werden heute dadurch erklärt, dass gewisse schmerzbezogene Regelkreise im Gehirn auch ohne äusseren Reiz weiter aktiv bleiben.

Wir sollten in vielen Fällen den Versuch aufgeben, den Zusammenhang zwischen dem ursprünglichen Schmerzauslöser und den Empfindungen des Körpers direkt herstellen zu wollen. Wir sollten uns eher die Frage stellen: Welche Verhaltensweise löst die Empfindung des Schmerzes aus?

Schmerz ist gekoppelt an Ereignisse in der unmittelbaren Vergangenheit. Schmerzempfindungen werden beeinflusst durch die Geschichte, die Erfahrungen einer Person, durch die Kultur, etc. Schmerzempfindungen sind niemals neutral: Sie erscheinen immer in einem gemeinsamen Paket mit Unwohlsein, Angst, Vorsicht, Niedergeschlagenheit, genereller Missstimmung bis hin zur Depression ...

Ein interdisziplinäres Vorgehen auf allen Ebenen der Schmerzwahrnehmung kann in solchen Fällen der Schlüssel zum Erfolg sein: die enge Zusammenarbeit von Ärzten/Zahnärzten, Physiotherapeuten und Psychologen ist sinnvoller und erfolgversprechender als eine isolierte Behandlung.

Die Aufgaben des Zahnarztes

Die Aufgabe des Zahnarztes können bei diesem Therapiekonzept folgendermassen umschrieben werden:

  • Information über den Zustand Ihrer Zähne und über mögliche Ursachen der Schmerzen
  • Einleitung einfachster Selbst-Behandlungs-Massnahmen (Eigenmassage, Wärme, Kälte...)
  • Harmonisierung der Zahnbelastungen durch die Anfertigung geeigneter Knirsch-Schienen
  • kurzzeitige Behandlung mit Schmerzmitteln (Prophylaxe gegen Chronifizierung des Schmerzes)
  • Verordnung von Physiotherapie
  • Koordination einer Entspannungstherapie und/oder einer psychologischen Unterstützung
  • in schweren und lange andauernden Schmerz-Fällen: Überweisung an ein Universitätsinstitut oder an einen Schmerz-Spezialisten
  • erst nach der nachhaltigen Behebung der Schmerzen soll an eine neue Zahnrekonstruktion gedacht werden

Das von unserer Praxis abgegebene Informationsblatt zum Thema "Muskel- und Gelenksbeschwerden" können Sie hier als PDF-Datei herunterladen.

Dieses Kapitel wurde erstellt mit Unterstützung von Frau Barbara Müller, eidg. dipl. Physioterhapeutin, Spezialistin in der Behandlung von Beschwerden im Kopfbereich (Craniomandibuläre, craniocervikale und craniofaziale Schmerzen und Dysfunktionen). Kontakt: bmuellerfrei(at)bluewin.ch

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